10 nützliche Tipps für Agile Führung

Studien gehen davon aus, dass sich bereits mehr als 90% der deutschen Unternehmen mit den Themen Agilität und kulturelle Transformation beschäftigen. Gemeint ist damit meistens die operative Teamebene; für einen langfristigen Erfolg sind aber die Themen Agile Führung und Skalierung von ebenso großer Bedeutung. Für Führungskräfte im agilen Umfeld haben wir 10 Tipps zusammengestellt, wie sich Agilität aus Managementsicht etablieren, fördern und auch skalieren lässt.

Agile Führung

Tipp Nummer 1: Akzeptieren Sie alternative Lösungen

Ein grundsätzlicher Erfolgsfaktor von Agilität ist die Förderung selbstorganisierter Teams, die Verantwortung für ihre Entscheidungen und Ergebnisse übernehmen. In der Praxis führt das zu besseren Lösungen oder schnelleren Anpassungen im laufenden Betrieb.

Damit sich Teammitglieder aktiv, kontinuierlich und verantwortlich in Prozesse und Verbesserungen einbringen, müssen Sie Ihre Mitarbeiter:innen zu Beteiligten machen. Akzeptieren und begrüßen Sie, dass Ihre Mitarbeiter:innen gegebenenfalls andere Lösungen oder Erfahrungen haben als Sie – und, dass das Team gegebenenfalls andere Entscheidungen trifft, als Sie es selbst tun würden.

Lassen Sie alternative Lösungen zu und haben Sie Geduld. Nur so stärken Sie die Eigenverantwortung und das Selbstlernen in Ihren Teams.

Dieser Paradigmenwechsel fällt vielen Führungskräften schwer; nutzen Sie daher für Ihre eigene Haltung und Führungsänderung beispielsweise einen Coach und trainieren Sie das Loslassen.

Tipp Nummer 2: Beziehen Sie alle Perspektiven ein

Für Entscheidungen und Fortschritte brauchen Sie einen Standpunkt, denn ohne genaue Beurteilung einer Situation können Sie nicht die richtigen Schlüsse ziehen.

Aber wie es das Wort Standpunkt schon sagt: Es ist nur Ihre eigene Perspektive, von Ihrer individuellen Position aus. Sie basiert ausschließlich auf Ihrer Erfahrung, Ihrem Lernaufwand, Ihren Interessen und dem, was Sie persönlich denken oder glauben.

Beziehen Sie bewusst und aktiv andere Perspektiven Ihrer Mitarbeiter:innen, Teams, Kund:innen oder auch andere Informationsquellen mit ein. Lernen und akzeptieren Sie, dass Sie in einer immer komplexer und schneller werdenden Welt nicht mehr alles allein wissen und beurteilen können; und auch nicht mehr brauchen.

Machen Sie sich kollektive Intelligenz zunutze und fördern Sie eine konsens¬basierte Entscheidungsfindung. Führen Sie dezentral verstreutes Wissen methodisch zusammen, erzeugen Sie eine 360°-Sicht und führen Sie sich und Ihre Teams zu besseren Entscheidungen.

Die voranschreitende Digitalisierung hat Firmen dazu gezwungen umzudenken. Selbst Unternehmen, die seit über hundert Jahren ihr Marktsegment dominieren, haben realisiert, dass Kundenwünsche sich von einem auf den anderen Tag ändern können und daher ein „Digital first“ Ansatz überlebenswichtig ist.

Erfolgreiche Start-ups haben uns in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, wie man aufgrund von gezielter Kundenausrichtung, gesamte Geschäftsmodelle verwerfen kann. Diese Flexibilität wird mittlerweile zur Voraussetzung, um in unserer globalisierten Welt zu bestehen. Die Agile Transformation soll Unternehmen dazu befähigen, diese Wandlungsfähigkeit zu erreichen und damit existenzbedrohende Marktentwicklungen zu meistern.

Aufgrund der sich immer schneller entwickelnden Märkte und Innovationskraft sowie der Tatsache, dass eine strukturelle Veränderung eines Unternehmens lange Zeit dauern kann, ist die Dringlichkeit eine Agile Transformation zu starten so hoch wie nie zuvor.

Tipp Nummer 3: Vertrauen Sie Ihrem Team

Teams arbeiten selbstorganisiert und engagiert, wenn sie die Eigentümerschaft über Prozesse und Inhalte haben, die aus ihrer eigenen Entwicklung stammen.

Die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn Mitarbeiter:innen sich mit ihrem Thema identifizieren, und zwar so sehr, dass sie gerne die Verantwortung übernehmen.

Dazu benötigt es drei Erfolgsfaktoren:

  1. Ihr Vertrauen in das Team,
  2. den nötigen Freiraum und
  3. einen entsprechenden Reifegrad des Teams.

Geben sie ihrem Team die Chance zur Entwicklung und das entsprechende Vertrauen, damit es wachsen und selbst lernen kann – im Zweifel lieber etwas mehr Freiheiten, als zu wenig.

Je höher der Reifegrad Ihrer Teams ist, desto kontinuierlicher werden sie selbständig Prozesse optimieren, sich gegenseitig unterstützen und entwickeln oder qualitativ hochwertige Software oder Produkte ausliefern.

Tipp Nummer 4: Probieren geht über Studieren

Jeder noch so gute Plan kann scheitern. Und beinahe jeder Plan ändert sich. Daher hat man früher größtmöglichen Aufwand in die Vorhersage gesteckt; um den Plan so gut wie möglich zu machen und ihn nicht ändern zu müssen.

Im agilen Umfeld wählt man einen anderen Denkansatz:

Jeder Plan wird sich ändern und jede Annahme kann falsch sein.

Für agile Führungskräfte bedeutet das: Definieren Sie gemeinsam mit Ihrem Team Ziele, planen Sie aber nur grob und kurzfristig. Lassen Sie Raum für Innovationen. Entwickeln Sie Produkte und Services iterativ, führen Sie Experimente durch und evaluieren Sie Ihre Teilfortschritte regelmäßig.

Setzen Sie agile Methoden ein, beispielsweise Design Thinking, Feedback, Tests, Retros, Canvas oder Barcamps, die allesamt darauf abzielen, bessere Informationen für die Weiterentwicklung zu bekommen.

Tipp Nummer 5: Evolution statt Revolution

Was für die moderne agile Anwendungsentwicklung gilt, sollte auch auf Ihren Führungsstil zutreffen:
Entwickeln und moderieren Sie Ihre Teams auf der Basis von zeitnahem Feedback, innovativen Experimenten, positiven Ritualen und einer Schritt-für-Schritt-Philosophie.

Erhöhen Sie Qualität, Engagement, Selbstorganisation und Zufriedenheit in ihren Teams durch evolutionäre Methoden.

Ermitteln Sie beispielsweise in Retrospektiven regelmäßig, wie zurückliegende Ereignisse funktioniert haben. “Keep, Drop, Try” ist ein beliebtes Format dafür; was sollte Ihr Team fortsetzen, was besser sein lassen und was neu ausprobieren?

Evolution bedeutet auch, Dinge laufen zu lassen, Toleranzräume für Fehler einzuplanen, immer wieder genau hinzusehen und die vorteilhaften Ergebnisse zu verstärken. Zur Evolution gehören übrigens auch Verfahren zur Neuanordnung, Zufallsprinzipien, Vermischung, und vieles mehr.

Tipp Nummer 6: Schaffen Sie Transparenz

Transparenz ist eine wesentliche, tragende Säule in jedem agilen Team und hat vor allem folgende Bedeutungen:

Jedes Teammitglied muss genau wissen und nachvollziehen können, wer der Auftraggeber ist, was für Ziele er hat, welche Rahmenbedingungen es gibt und welche Details hinter Entscheidungen stehen. Nur so können Teammitglieder zielgerichtet und auf einer gemeinsamen Basis arbeiten.

Transparenz gilt auch für Themen im eigenen Team: Wer arbeitet woran, welches Know-how ist vorhanden, welche Stärken und Schwächen gilt es zu berücksichtigen, welches Feedback kann verwendet werden, usw.

Zu Transparenz gehört zum Beispiel auch, welche Begriffe in der Zusammenarbeit, im Service oder im Produkt verwendet werden und warum. Das verbessert die Kommunikation.

Machen Sie vor allem auch jegliches Projektwissen transparent, aktualisieren Sie wichtige Dokumente und Pläne regelmäßig und veröffentlichen Sie diese.

Machen Sie immer auch Ihre eigenen Gedanken und Entscheidungen transparent. Obwohl Sie zwar die Selbstorganisation Ihrer Teams fördern, werden Sie immer wieder in Situationen kommen, in denen Sie entscheiden oder moderieren müssen.

Tipp Nummer 7: Entwickeln Sie eine Feedbackkultur

Feedback ist kein neues Thema. Aber es fehlt oft an Vertrauen, den passenden Instrumenten, oder Feedback wird nicht systematisch eingeholt

Agiles Arbeiten ist ohne Feedback nicht denkbar. Dabei geht es nicht nur um den Dialog zwischen Ihnen und Ihren Mitarbeiter:innen, sondern auch um Feedback von Ihren Kund:innen oder Stakeholdern.

Agilität ist die Anpassungsfähigkeit an sich rasch veränderde Rahmenbedingungen. Systematisches Feedback ist die Grundlage für Entscheidungen. Eine wertschätzende und veränderungsbejahende Kultur ist der Rahmen, den Sie als agiler Leader formen und fördern müssen.

Nehmen Sie auch selbst Feedback an. Bilden Sie Ihre Teams in Feedbackmethoden aus, etablieren Sie feste Termine, Matrizen und Auswertungen. Motivieren Sie Ihre Teams, selbst aktiv Feedback einzuholen, um sich selbst und das Projekt, an dem sie arbeiten, zu verbessern.

Methoden gibt es viele: 5-Finger-Feedback, Fragebogen, Start-Stop-Continue, Nutzungsdaten und viele mehr.

Tipp Nummer 8: Bewerten Sie Fehler positiv

Fehler sind in einem agilen Team die Grundlage für Weiterentwicklung. Gemeint ist, dass falsche Annahmen oder Entscheidungen auf der Basis von Evaluation und Feedback schnell erkannt und dynamisch korrigiert werden.

Man setzt voraus, dass alle Dinge und Prozesse zunächst Fehler enthalten; auch Menschen. Ein Problem wären also nicht die Fehler selbst, sondern vielmehr sie nicht zu suchen, nicht zu entdecken oder nicht zu handeln.

Aus dieser Fehlerkultur folgen einige neue Perspektiven:

  • Nicht alles muss auf Anhieb fehlerfrei sein, aber sich schnell entwickeln.
  • Die meisten Fehler findet man erst durch Ausprobieren und Feedback.
  • Experimente sind wichtig und Bestandteil einer Fehlerkultur.

Übrigens: Fehlerkultur bedeutet nicht, dass man sich ungeniert danebenbenehmen darf.

Motivieren Sie Ihre Teams, nach Fehlern zu suchen und jeden Fund – sowie dessen Auflösung – zu feiern. Im Ergebnis erhalten Sie schneller bessere Produkte, mutigere und engagiertere Teams sowie eine moderne und lösungsorientierte Kultur.

Tipp Nummer 9: Führen Sie Ihr Team zur Selbstständigkeit

Teams, die selbständig arbeiten, gute Entscheidungen treffen und ein klares Ziel haben, erzielen deutlich bessere Ergebnisse.

Richten Sie Ihre Führung konsequent an den Bedürfnissen und Interessen Ihrer Mitarbeiter:innen aus; genannt Servant Leadership.

Als Servant Leader fördern Sie so die Entwicklung:

  • Coachen Sie Ihre Mitarbeiter:innen zur Entwicklung von Stärken und Fähigkeiten.
  • Fördern Sie die Kreativität und innovativen Fähigkeiten Ihrer Mitarbeiter:innen.
  • Steigern Sie die Motivation: Zeigen Sie, wofür es sich lohnt, Zeit und Energie einzubringen.
  • Fördern Sie die Zusammenarbeit Ihrer Mitarbeiter:innen.
  • Unterstützen Sie Ihre Teams, gemeinsame Ziele zu erreichen und voneinander zu lernen.
  • Unterstützen Sie aktives und individuelles Feedback.
  • Schaffen Sie eine positiv gelebte Fehlerkultur.

Bei Teams, die selbständig arbeiten, weiß jedes Teammitglied, wer noch Unterstützung benötigt oder wer unterstützen kann. Es entwickelt sich dadurch ein vernetztes und dynamisches Denken sowie verteiltes Wissen. Dadurch können auch unerwartete Ausfälle im Team besser aufgefangen und kompensiert werden.

Tipp Nummer 10: Nutzen Sie agile Führungsmethoden

Die einfachste und wichtigste Methode für gute agile Führung ist: Seien Sie selbst agil! Legen Sie die vorausgegangenen Tipps und Maßstäbe für Agile Führung auch bei sich selbst und in Ihrem Führungsteam an.

Planen Sie gemeinsam mit Ihren Teams die agile Transformation sehr genau; agil zu sein heißt nicht, planlos zu sein.

Etablieren und fördern Sie passende Prinzipien und Zeremonien, beispielsweise Feedbacks, Sprints, Design & Lean Thinking, Standups, Retros, Backlogs, Events, usw.

Für größere Umgebungen und mehrere Teams verwenden Sie individualisierte Frameworks wie SAFe, machen Sie regelmäßig eine Reifegradbestimmung, bilden Sie Transformationsteams, nutzen Sie Coaches, arbeiten Sie mit digitalen Werkzeugen wie Jira & Co. und vieles mehr.

Nutzen Sie auch Best-Practices und Know-how anderer Unternehmen; tauschen Sie sich mit anderen Führungskräften aus und nutzen Sie Erfahrungen und Tools von Dienstleistern wie it-economics.

Gutes Gelingen!

Autor
Bernd Günter
Head of Marketing & Sales

Autor
Torsten Dibbert
Agile Coach