Meine re:publica 2019

Seit Jahren verfolge ich jedes Jahr die Berichterstattung über die re:publica - dieses Jahr wollte ich nicht länger in zweiter Reihe stehen, sondern auch mal selber eintauchen in diese Konferenz. Aber erstmal halblang: Wer oder was ist denn diese "re:publica" genau? Die re:publica ist eine dreitägige Konferenz rund um die Themen Web 2.0, digitale Gesellschaft, soziale Medien und alles, was mehr oder weniger stark damit zusammenhängt: Medien, Arbeitswelt, Kultur, Politik, Wissenschaft, Lernen. Viele Journalisten, Medienvertreter, Politiker, Unternehmen und Net-Citizens sind vertreten, es finden zahllose Vorträge, Diskussionsrunden, Workshops und Interaktionen statt. Die re:publica fand zum ersten Mal 2007 in Berlin statt, damals mit ca. 700 Besuchern. Mittlerweile wird sie nicht nur jährlich in Berlin ausgetragen, sondern hat Ableger in Irland, Griechenland, Ghana und den USA. Die diesjährige re:publica (6. - 8. Mai 2019) stand unter dem Motto "tl;dr" (net-speak für "too long, didn't read“), womit ein klares Statement gegen Vereinfachung und Verkürzung gesetzt werden sollte, denn die Wirklichkeit ist nicht einfach, sondern meist hochkomplex. Um dieses Motto zu unterstreichen durchzog sich eine riesige Papierschlange an der Decke durch alle Hallen: „Moby Dick“ kennen die Meisten, aber gelesen hat das ellenlange Werk fast niemand. Dieses Jahr waren laut offiziellen Angaben über 19.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 80 Ländern auf der dreizehnten Ausgabe der Konferenz anwesend, 50 Prozent der Speaker waren weiblich. Das komplette Programm entsteht in seiner Gänze erst in den Wochen kurz vor der Konferenz, sodass ich ein Ticket gekauft habe, ohne zu dieser Zeit ganz konkret zu wissen, wie das Angebot aussehen wird. Ich habe mich daher erst am Wochenende vor der Konferenz näher mit dem Programm beschäftigt und war direkt erschlagen: Wow ist das viel! Was soll ich bloß auswählen? Noch bevor die Konferenz überhaupt startete, war mir klar, dass es für mich eher eine "FOMO-Konferenz" sein wird (fear of missing out).

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Soviel zur Konferenz allgemein, aber wie ist das denn wirklich, mittendrin zu sein? Auf dem Gelände angekommen, versuche ich mich erstmal zu orientieren: Im Innenhof der Station (so der Name des Gebäudes) gibt es neben einigen Verpflegungsmöglichkeiten den Zugang zur weiter hinten liegenden riesigen Halle, die sehr geschickt unterteilt wurde in den Aussteller-Bereich (Google war z.B. vertreten) sowie mehr oder weniger große Konferenzräume: Es gab nur einen einzigen sehr großen Saal, fünf mittelgroße Räume, vier kleine und sechs sehr kleine Bereiche, die eigentlich nur für 10-20 Teilnehmer geeignet waren. Zudem fanden zeitgleich zur re:publica und der verbundenen Media Convention nebenan im Kühlhaus auf sechs Stockwerken die re:learn (Lernen in einer digitalisierten Welt), die Jetpack (Karrieremesse) und die Tincon statt (Jugendkonferenz) - allesamt konnten besucht werden und erweiterten das Angebot nochmals.

 

Tag 1

Frank-Walter Steinmeier, republica 19

Frank-Walter Steinmeier, republica 19

Mein Ziel am ersten Morgen war die große Halle 1 - aus der dritten Reihe konnte ich hautnah die Eröffnung und die Eröffnungsrede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier verfolgen: Deutschland ist die älteste Gesellschaft Europas, die zweitälteste der Welt. Frank-Walter Steinmeier hat sich ganz im Sinne des diesjährigen Mottos gegen Verkürzung und Vereinfachung ausgesprochen, als Weckruf an die Politik. "Wer Nebensätze nicht als Feind erklärt, der hat den Bundespräsidenten zum natürlichen Verbündeten". Eine wirklich hörenswerte Rede, in der auch Kritik an den großen Firmen des Silicone Valleys geübt wurde. Nebenbei: Um zu gewährleisten, dass möglichst viele Teilnehmer den Inhalt verstehen, wurde im großen Saal die englische Übersetzung jeder Rede live am Bühnenrand gezeigt. Zudem gab es wie in jedem der Konferenzräume Übersetzer, so dass man bei Bedarf über Kopfhörer live die englische (oder deutsche) Übersetzung mitverfolgen konnte.

Anschließend wollte ich erfahren, was der Vizekanzler Olaf Scholz in der Debatte "The European way towards a societal and economic order in the digital age" im Gespräch mit Francesca Bria (Digital Innovation Officer of Barcelona) zu sagen hatte: Er hegt die Hoffnung, dass es bis Ende 2020 eine europäische Übereinkunft zur Besteuerung multinationaler Konzerne geben wird. Francesca Bria betonte, dass die gesammelten personenbezogenen Daten im Eigentum und der Hoheit der betreffenden Bürger verbleiben und diese über deren Verwendung bestimmen sollten. Facebook wollte ihre Daten Forschern zur Analyse übergeben, um zu bestätigen, nicht in Wahlen eingegriffen zu haben. Laut Francesca Bria unterliegt Facebook dabei einem grundlegenden Irrtum: Es sind nicht Facebook‘s Daten, diese Daten gehören jedem einzelnen von uns, es sind unsere Daten! Recht hat sie, meiner Meinung nach. Im Übrigen: auf dieser Bühne wurde synchron am Bühnenrand auf Gebärdensprache übersetzt.

Da es nicht zuletzt durch die Netflix-Serie aktuell stark diskutiert wird, wollte ich durch "Beyond Black Mirror - China's Social Credit System" eine Einordnung bekommen: Betrug und Hinterlist ist in der chinesischen Wirtschaft leider an der Tagesordnung, daher gibt es einen starken Drang der Gesellschaft, die Einhaltung moralischer Grundsätze zu forcieren. Laut den Rednern wird China's Social Credit System in den westlichen Medien extrem übertrieben und falsch dargestellt, es werden die eigenen westlichen Ängste vor staatlichem Technologiemissbrauch hineinprojiziert: Es ist keinesfalls ein großes allumfassendes System durch Big Data Analyse, es sind vielmehr einzelne für sich getrennte Initiativen, die manchmal auch nur bestimmte Regionen betreffen: Zum einen geht es um eine Bewertung der Kreditwürdigkeit durch private Scoring Unternehmen oder den Staat. Ein weiterer Bereich betrifft die Einführung von bisher 44 industriespezifischen Blacklists, die bei Rechtsverstößen die betreffenden Personen von Berufen der jeweiligen Industrie (oder verwandten Branchen) ausschließen. Der letzte Bereich umfasst Social Credit Systeme als Propagandainstrument zur Förderung von Ehrlichkeit im Umgang miteinander. Diese letztgenannten Punktesysteme sind weitestgehend pädagogisch, denn es gibt keine Bestrafungen für Verhalten, das nicht auch bereits durch Gesetze bestraft wird, Belohnungen sind sehr gering. Auch wenn das Scoring durch die Redner relativiert wurde und die chinesische Bevölkerung es wohl explizit gutheißt, mussten sie trotzdem zugeben, dass 16% der Nutzer des Zhima Credit Systems (eingeführt durch einen Ableger der Alibaba Gruppe) jemanden aufgrund eines Scores von ihrer Freundesliste genommen haben oder die Wortwahl bei Beiträgen in sozialen Medien bewusst gewählt haben, um ihren eigenen Score zu beeinflussen. Es hat also bereits einen Effekt auf die "normale" chinesische Bevölkerung. Und allen Rednern ist klar, dass China weiter versuchen wird, Technologie in ihrem Sinne einzusetzen.

Katharina Krentz, republica 19

Katharina Krentz, republica 19

Aufgrund des Tipps eines Kollegen habe ich mich schon vor einigen Monaten mit der Methode "Working Out Loud" (WOL) auseinandergesetzt und wollte jetzt Erfahrungen von konkreten Anwendern hören - "Raus aus dem Silo und rein ins Netzwerk - Selbstwirksam werden dank Working Out Loud". Der sehr kleine Raum war hoffnungslos überfüllt, es gab nur wenige Sitzplätze, die meisten saßen auf dem Boden. Katharina Krentz von Bosch berichtete über die Einführung von WOL zunächst als Pilotprojekt, begeisterten Teilnehmern, dem darauf erfolgten Commitment der Geschäftsleitung und der mittlerweile voll und ganz etablierten Durchführung von zahllosen WOL-Zirkeln (bisher mehr als 590), in denen sich jeweils eine Gruppe von 4-5 Mitarbeitern - begleitet durch einen Coach - über 12 Wochen anhand eines konkreten Schritte-Programms jeweils 1 Stunde pro Woche trifft und gemeinsam netzwerken lernt. Ihrer Erfahrung nach konnte bisher jeder Teilnehmer sehr viel dazulernen (97% Weiterempfehlungsrate), nicht selten durchläuft jeder Mitarbeiter im Laufe der Zeit sogar 2-3 Zirkel (75% Wiederholungsrate). 96% der Teilnehmer gaben an, dass WOL geholfen hat, ihre digitale Kompetenz zu verbessern. Ich war beeindruckt von ihrem Enthusiasmus und dem spürbaren Brennen für WOL. Ich werde mir in nächster Zeit Gedanken machen, ob und wie ich vielleicht auch bei uns einen ersten Zirkel starten und durchführen könnte...

Timo Hentschel, republica 19

Timo Hentschel, republica 19

Den späteren Nachmittag nutzte ich dann, um im weitläufigen Museumsgelände nebenan einen funktionsfähigen Flugtaxi-Prototypen zu bestaunen: Der Volocopter hat insgesamt 18 Rotoren (damit wird eine kleinere Umdrehungszahl benötigt und somit der Geräuschpegel reduziert) und kann aktuell leider nur 2 Passagiere befördern. Hochinteressante Technik, aber meiner Einschätzung nach eignet es sich nicht für den Massenmarkt.

 

Tag 2

Luca Hammer, republica 19

Luca Hammer, republica 19

Auch am zweiten Tag war es wieder eine Herausforderung, aus dem umfangreichen Programm die für mich interessantesten Beiträge herauszusuchen: In "Wut in Zeitlupe: Analyse von Empörungswellen auf Twitter" ging Luca Hammer technisch sehr fundiert und mit vielen Verweisen auf frei verfügbare Tools auf die Analyse einer konkreten Empörungswelle ein. Man konnte sehr gut erkennen, dass die Urheber stark kritischer Beiträge aus dem eher rechten Argumentationsspektrum scheinbar hochgradig vernetzt sind und schnell reagieren, aber insgesamt nur eine scheinbar sehr überschaubare Anzahl von Accounts darstellen. Neben der Analyse der Ausbreitung (z.B. durch Retweets) wurde auch der Einsatz von Bots untersucht, was im vorliegenden Fall aber nicht festgestellt werden konnte. Insgesamt ein spannender Einblick mit der Erkenntnis, die Analyse zügig nach einem Vorfall zu beginnen, da die kostenlose Such-API zwar sehr mächtig ist, aber nur die letzten sieben Tage abdeckt.

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Welche Auswirkungen die "schöne neue digitale Welt" auf das Arbeitsleben haben kann, wurde im Vortrag "The Algorithmic Boss" von Alex Rosenblat recht deutlich: Uber ist defacto in vielen Ländern absolut marktbeherrschend, mancherorts gibt es bereits keine Konkurrenten mehr. Uber redet sich immer schön heraus, dass sie keine Fahrer beschäftigen, sondern alle Fahrer selbstständig arbeiten und absolut frei entscheiden können. Dem ist mitnichten so! Längst ist der Algorithmus der Boss, analysiert und bewertet die Fahrtrouten und das Fahrverhalten der Fahrer. Hält sich ein Fahrer nicht exakt an die strengen Vorgaben des Algorithmus, weicht also z.B. von der vorgegebenen Route ab (z.B. weil der Fahrgast es explizit so gefordert hat) und der Fahrgast beschwert sich danach bei Uber, wird dem Fahrer automatisch Geld abgezogen. Ein Einspruch des Fahrers ist nahezu unmöglich, da Mitarbeiter z.B. auf den Philippinen roboterhaft vorgefertigte Standardantworten liefern und Fahrer nach etlichen Emails zermürbt sind und lieber eine weitere Fahrt übernehmen, als sich weiter zu streiten. Uber Fahrer sind sehr stark auf bestmögliche Fahrgastbewertungen angewiesen, denn fällt ihre Durchschnittsbewertung unter ein festgelegtes Limit, werden sie automatisch von Uber deaktiviert, was einem Berufsverbot gleichkommt. Arbeitnehmerrechte werden hierdurch vollständig ausgehebelt. Bei diesen Berichten stellen sich die Nackenhaare auf!

Wenn ich mir tags zuvor noch über das chinesische Social Credit System Gedanken gemacht habe, musste ich durch "Citizen Scoring in the EU - it happens at home, not only in China!" erkennen, dass auch wir in Europa zumindest ein stückweit auf einem ähnlichen Weg unterwegs sind: Algorithmische Entscheidungsfindung befeuert Debatten um Diskriminierung, Gleichbehandlung und Teilhabe. Die Vortragenden Matthias Spielkamp und Kristina Penner von AlgorithmWatch haben sich hierzu u. a. gefragt, welche Gesetze und Aufsicht es in den einzelnen Ländern diesbezüglich gibt und welche Entscheidungen bereits auf Algorithmen basieren: In Frankreich sind per Gesetz alle Regierungszweige dazu gezwungen, ihre Algorithmen zu veröffentlichen, aber es hält sich niemand an dieses Gesetz. In Finnland hat der Ombudsmann gegen Diskriminierung ein Unternehmen dazu gezwungen, ein verwendetes Credit-Scoring-System unter Androhung von Strafe nicht länger zu verwenden, da es als diskriminierend eingestuft wurde. Als Beispiele für aktuell schon verwendete Algorithmen wurden u. a. aufgeführt: Ein dänisches System zur Identifizierung von Vernachlässigung bedrohter Kinder, ein slovenisches System zur Identifikation "problematischer" Schüler mit Lernproblemen in Grund- und weiterführenden Schulen, Verteilung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe in Polen und Spanien, Erkennung von Sozialhilfebetrug in den Niederlanden und Finnland. Beendet wurde der Vortrag mit der Hoffnung, dass die Diskussion über Algorithmen stärker geführt wird und in den einzelnen europäischen Ländern kompetente und schlagkräftige Aufsichtsinstrumente entstehen, um negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft begegnen zu können. Bemerkenswerte Aussage hierbei: Ganz offensichtlich gibt es in Deutschland keine effektive Aufsicht und Kontrolle der Schufa, geschweige denn algorithmische Transparenz. Insgesamt eine spannende Problematik, trotzdem geht China da meines Eindrucks nach wesentlich weiter, sodass der Vergleich von China und der EU derzeit (Gott sei Dank) hinkt.

Interessante rechtliche Aspekte wurden im Vortrag "Datenschutz, Identität und Autonomie im Zeitalter von Big Data und KI" von Prof. Sandra Wachter in der Diskussion "Ethics for Billions: Lassen sich ethische Grundsätze mit Technologien skalieren?" aufgeworfen: Die Erhebung und Verarbeitung persönlicher Daten und insbesondere sensibler Daten ist gesetzlich geregelt, nicht zuletzt durch die DSGVO. Betroffene Bürger können Auskunft, Korrektur sowie Löschung der über sie gespeicherten Daten verlangen. Im Zeitalter von Big Data ist es aber möglich, vollständig anonymisierte Daten zu verarbeiten (für die die gesetzlichen Bestimmungen viel geringer sind), zu verknüpfen und dadurch wieder persönliche oder sogar sensible Daten zu erzeugen. Welche Rechte gelten für diese so abgeleiteten Daten? Bisher gar keine. Diese so gewonnenen Daten können munter gespeichert und benutzt werden ohne eine Einspruchs-, Korrektur- oder Löschmöglichkeit für die Betroffenen. Hier scheinen die technischen Möglichkeiten die Gesetzgebung überholt zu haben, sodass eine durchaus eklatante gesetzliche Lücke entstanden ist mit dem dringenden Bedarf an Nachbesserung.

Renate Künast, republica 19

Renate Künast, republica 19

In die Abgründe der sozialen Medien konnte ich am Ende des Tages in "Digitaler Hass gegen die Demokratie" schauen: Renate Künast berichtete zusammen mit Philip Kreißel (ichbinhier e. V.), Sina Laubenstein (No Hate Speech Movement) und Joanna Stolarek (Neue Deutsche Medienmacher e. V.) von digitalen Hasskampagnen, die 2017 überwiegend (74%) aus dem rechten Spektrum verortet werden konnten. Es scheint eine recht überschaubare Anzahl (wenige hundert) Akteure zu geben, die stark miteinander vernetzt sind und untereinander für eine schnelle Verbreitung einer Hasskampagne sorgen. Fünf Prozent der Accounts sind für fünfzig Prozent der Hassbeiträge einer Kampagne verantwortlich. Die Inhalte der Zuschriften sind laut Renate Künast schwer verdaulich. Um mit der Belastung umzugehen, hat ihr Team zeitweise mit Humor versucht dagegenzuhalten: Es wurde ein Hate-Speech-Tool erstellt und auf ihrer Seite verlinkt, um schnell und einfach (dank Formulierungshilfen) Hassnachrichten senden zu können. Trotz der verstörenden Inhalte der Nachrichten hat sich aber mittlerweile eine Routine eingestellt - fast täglich werden Beiträge zur Anzeige gebracht. Um als Gemeinschaft schnell bei entstehenden Kampagnen Gegenrede leisten zu können, wurde ein parteiinternes Rapid Alerting erstellt, bei dem Parteimitglieder eine Kampagne melden und somit direkt alle anderen Parteikolleginnen und -kollegen benachrichtigt werden können.

 

Tag 3

Margrethe Vestager, republica 19

Margrethe Vestager, republica 19

Der dritte und letzte Tag startete für mich mit der EU Wettbewerbskommisarin Margrethe Vestager, die meistgefürchtete Politikerin im Silicone Valley. Im Beitrag "Fairness and Competitiveness in a Digitised World" führte ein Moderator ein Gespräch mit ihr. Laut Vestager (aber das ist auch eigentlich kein Geheimnis) verändert sich die gesamte Gesellschaft durch technologische Revolutionen schneller als je zuvor. Der Zugang zu Daten ist der Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit. Falls sich ein großes dominierendes Unternehmen wettbewerbswidrig verhält, stellt sich Margrethe Vestager die Frage, was zu tun ist und was die Schlüsselfaktoren sind, um den Markt wieder für Wettbewerber zu öffnen und somit wieder echte Konkurrenz zu erhalten. Große Unternehmen zu zerschlagen ist immer der allerletzte Ausweg und muss gründlich in seinen Konsequenzen durchdacht werden, denn es ist ein tiefer und unumkehrbarer Eingriff in die Privatwirtschaft. Margrethe Vestager erschien mir sehr entspannt, aber in ihren Äußerungen wohldurchdacht und klar. Man wird sehen, welchen weiteren Weg sie auch in der EU gehen wird...

Lydia Schültken, republica 19

Lydia Schültken, republica 19

Weg von der Betrachtung des großen Ganzen, hin zum Arbeiten in Teams: In der Session "Weniger Macht, mehr Kooperation - #hack Dein Team mit #workhacks" stellte Lydia Schültken ihre Methode vor, wie sie Veränderung in Teams bringt. Lydia Schültken hat eine Sammlung von "Workhacks" gesammelt und publiziert, also einfach umzusetzende kleine Methoden, um die Arbeit in Teams zu verbessern. Veränderung muss geübt werden. Wenn sie ein Team coached, wird daher zunächst ein Workhack gemeinschaftlich ausgewählt und freiwillig im Team eingeführt, zwei Paten übernehmen dabei die Einführung, Feedback wird über eine Feedback-Box gesammelt. Jeder Workhack hat zwei Monate "Welpenschutz", denn das Team muss sich erst einmal an die neue Methode gewöhnen, erst dann kann über die weitere Beibehaltung gemeinschaftlich entschieden werden. Anschließend kann dann ggf. ein weiterer Workhack eingeführt werden und andere Teammitglieder übernehmen die Patenschaft. Was sind nun solche Workhacks? Lydia Schültken sprach einige ganz kurz an:

  • Fokuszeit: Einmal pro Tag findet für eine Stunde keinerlei Meeting, kein Emaillesen, keine Interaktion statt. Es wird nur fokussiert gearbeitet.

  • Krötentag: Einmal pro Monat stürzt sich das ganze Team auf genau diejenigen To-dos, die extrem unbeliebt sind und daher lange liegenbleiben.

Sehr interessante Ansätze, ich werde mir das Buch von ihr wohl mal zulegen und mehr darüber lernen.

Ebenso mit der Arbeitswelt beschäftigte sich der anschließende Vortrag "Was können Unternehmen von Minecraft lernen?" von Martin Wiens: Minecraft hat bisher über 150 Millionen Downloads, wird auf 400.000 Servern gespielt. Remote Work, also vernetzte und ortsungebundene Zusammenarbeit ist in Minecraft bereits Realität. Minecraft ist ein Open-World Spiel bzw. Konstruktionsspiel. Das Spiel ist hierbei eigentlich ein Framework, es gibt modifizierte Server mit eigenen Regeln. Durch sog. Redstone-Blöcke wurde sogar Automatisierung eingeführt. Durch das Spielen auf verschiedenen Servern und Communities unterschiedlicher Größe sowie Interviews mit den Server-Administratoren hat Martin Wies Erkenntnisse gewonnen, die er auch für Unternehmen postuliert:

  • Rollenkompetenz: Die Spieler in Minecraft übernehmen verschiedenste Rollen, sie spielen nicht sich selbst. Auf Unternehmen übertragen, sollte Mitarbeitern ermöglicht werden, sich in unterschiedlichster Weise einzubringen. Martin Wies schlug vor allem die Brücke zu Holacracy, was mir aber ein wenig zu übertrieben erschien.

  • Möglichkeiten statt Ziele managen: In den Minecraft Welten gibt es nie konkrete Ziele, es werden immer nur Rahmenbedingungen zur Entfaltung bereitgestellt. Die Spieler brauchen keine Richtung, sie eignen sich die Möglichkeiten an. Ihre Motivation ist es, Mitglied eines Netzwerks (oder Unternehmen) zu sein und bleiben zu können.

  • Leerstellen: Minecraft ist erfolgreich, weil es unfertig ist. Fast alle innovativen Designs basieren auf Bugs der aktuellen Version.

Input gerade aus einer unerwarteten Richtung ist immer gut, daher war der Einblick durchaus spannend. Übrigens: dieser Vortrag fand in einer sehr lauten Halle statt (Medienzentrum direkt nebenan, nur durch Raumtrenner getrennt), daher wurden am Eingang Kopfhörer verteilt, denn nur so konnte man dem ansonsten sehr leisen und unverstärkten Vortrag folgen.

Patrick Stolz, republica 19

Patrick Stolz, republica 19

Algorithmen haben immer mehr Auswirkungen auf unser Leben. Lea Pfau von der Open Knowledge Foundation und Patrick Stolz von Spiegel Online berichteten in "OpenSchufa - die Resultate" vom Versuch, ein Reverse Engineering des Schufa Algorithmus zu betreiben oder doch zumindest Anhaltspunkte dafür zu bekommen, welche Daten eine Rolle spielen. Dazu hatte die OKF vor einiger Zeit zu Datenspenden aufgerufen, also die freiwillige Übermittlung der eigenen Schufa Selbstauskunft. Sowohl die OKF als auch Spiegel Online haben getrennt voneinander die Daten analysiert: Die Schufa gibt immer einen Prozentwert mit zwei Nachkommastellen an, der die Erfüllungswahrscheinlichkeit eines Kredits oder einer finanziellen Verpflichtung angibt. Diese Genauigkeit ist sehr trügerisch, denn sie wird verwendet vollkommen unabhängig von der Anzahl bekannter Informationen über eine Person. In 12,5% der analysierten Fälle gab es ausschließlich positive Informationen über eine Person, aber trotzdem wurde ein "zufriedenstellendes bis erhöhtes" oder sogar "hohes" Risiko ausgegeben. Selbst wenn eine Person (aktuell) nicht bekannt ist, weil sie vielleicht umgezogen ist und (noch) kein Matching zu vorherigen Informationen erfolgen konnte, wird trotzdem ein Wert ausgegeben, basierend auf einem Geoscoring. Das heißt, die Kreditwürdigkeit der Person wird dann von ihrer Adresse und Wohngegend bestimmt. Wohnt man in einer "schlechten" Gegend, bekommt man eventuell keinen neuen Handyvertrag mehr. Insgesamt werden Jüngere schlechter bewertet als Ältere, Frauen besser als Männer. Es wurde daher die Frage aufgeworfen, ob junge Männer aus Sicht der Schufa eine Risikogruppe darstellen. Darüber hinaus wurden mit der Zeit scheinbar sehr unterschiedliche Versionen des Schufa-Algorithmus eingesetzt, die zu drastisch unterschiedlichen Ergebnissen kommen können: Anhand des Scorings der einen Version ist man evtl. nicht kreditwürdig, mit einer anderen aber plötzlich sehr vertrauenswürdig. Zusammengenommen sind die (wenn auch geringen) Erkenntnisse besorgniserregend. Meiner Meinung nach besteht hier dringend Klärungsbedarf und algorithmische Transparenz.

Alexander Gerst

Alexander Gerst

Eindrucksvolle Bilder und Videos aus dem All und spannende Berichte vom Astronauten Alexander Gerst in "Raumfahrt und Gesellschaft - wohin geht die Reise?" bildeten für mich den gelungenen Abschluss der re:publica 2019.

 

Wahnsinnig interessant und persönlich bereichernd war es, das kann ich definitiv sagen. Gerne bin ich im kommenden Jahr wieder dabei, denn auch wenn man bei über 1000(!) Vortragenden in drei Tagen die allermeisten Themen live verpasst, kann man doch viele Vorträge im Nachgang noch online ansehen.

Hier ein Überblick über die von mir noch nachträglich verfolgten erwähnenswerten Aufzeichnungen:

tl;dr