Chancengleichheit statt positiver Diskriminierung

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Wird die Gender-Debatte zu oft von einer Täter-Opfer-Rhetorik beherrscht? Männer Täter - Frauen Opfer? Stimmt das? Ich habe begonnen, meine eigene Position als Frau in der IT-Branche sowie mein persönliches Verhalten im Arbeitsalltag zu reflektieren. Die zahlreichen Fragen, die mich dabei beschäftigen und meine ersten Erkenntnisse möchte ich heute in einem kurzen Blogbeitrag mit Ihnen teilen.

Darf ich mich als Frau heute noch über das Kompliment eines Kollegen zu meinem Lieblingskleid freuen? Oder reden wir hier bereits von Sexismus? Sollte ich mich als Frau nicht auch öfter mal selbst hinterfragen? Trage ich das Kleid wirklich immer ausschließlich, um mir selbst zu gefallen oder treffe ich nicht vielleicht hin und wieder bewusst meine Kleiderwahl, um eine bestimmte Wirkung in meinem Umfeld zu erzielen? Ich muss gestehen, ich kleide mich gerne vorteilhaft. Selbstverständlich möchte ich aber von meinen Kollegen und Vorgesetzten ausschließlich für meine Fähigkeiten sowie für meine Arbeitsleistung geschätzt werden. Ich mag Komplimente – von Männern wie auch von Frauen. Genauso liebe ich es, anderen Menschen Komplimente zu machen, wenn mir danach ist. Ich freue mich zugegebenermaßen auch über klassisch-altmodische Gentleman-Gesten – zum Beispiel, wenn mir ein Mann die Tür aufhält oder wenn mir ein Kollege einen Gefallen tut, indem er mir in einem vollen Konferenzraum seinen Sitzplatz anbietet.

Darf ich mich als Feministin bezeichnen?

Doch ich frage mich: Wo ist die Grenze, an der Kollegialität aufhört und Sexismus beginnt? Wann sprechen wir von Diskriminierung und an welcher Stelle tarnen wir die Zwangsbeglückung von Frauen oder anderen Minderheiten einfach nur geschickt unter dem Deckmantel der Gleichstellungspolitik? Worin liegt überhaupt der Unterschied? Wenn mich all diese Fragen beschäftigen und ich trotzdem Gesten und Handlungen schätze, die mit dem Gedanken der Gleichstellung von Mann und Frau nicht länger 100%ig vereinbar sind. Wenn ich meine Weiblichkeit als besondere Eigenschaft an mir selbst schätze und sie deshalb nicht verstecken möchte. Darf ich mich dann in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch als Feministin bezeichnen? Zumindest diese Frage habe ich mittlerweile für mich selbst mit einem klaren Ja beantwortet.

Chancengleichheit statt positiver Diskriminierung

Ich bin mir absolut im Klaren darüber, dass sich in unserer Gesellschaft noch einiges ändern muss, um eine Geschlechtergerechtigkeit für Männer und Frauen, vor allem in der Berufswelt, zu schaffen. Ich spreche dabei bewusst von Geschlechtergerechtigkeit, denn für mich hat Gender-Politik ihre Berechtigung nur solange sie nicht viel mehr will als Gerechtigkeit durch Chancengleichheit für Männer und Frauen. Auch aus diesem Grund bin ich strenger Gegner der allseits diskutierten Quotenregelung. Für mich stellt sie nicht nur die falsche Lösung dar, ich sehe in ihr sogar eine getarnte Art der Diskriminierung von Frauen als Minderheitengruppe – positive Diskriminierung ist und bleibt am Ende eben auch nur Diskriminierung. Ich gendere in meinen E-Mails und Dokumentationen nicht für eine „political correctness“, denn ich ziehe es vor Texte zu schreiben, die ein normaler Mensch nicht nur mit Freude lesen, sondern auch auf Anhieb verstehen kann.

Gender-Politik bedeutet für mich keineswegs, dass man alles und jeden gleichmachen muss, im Gegenteil, für mich ist es keine Lösung dem Mann seine naturgegebene Männlichkeit abzusprechen oder mir als Frau meine natürliche Weiblichkeit zu nehmen. Die Gender-Politik darf nicht auf der falschen Annahme basieren, dass es keinerlei Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt – denn es gibt sie. Feministin zu sein heißt für mich, mich und mein Verhalten regelmäßig zu reflektieren und Selbstkritik zu üben – dasselbe erwarte ich auch von meinen Mitmenschen. Ich würde mich freuen, wenn in den Diversity- und Gender-Diskussionen öfter mal das Wort „Menschen“ benutzt würde, denn das sind wir am Ende doch alle.

Andrea Schedlbauer, Consultant, it-economics

Andrea Schedlbauer, Consultant, it-economics

Wertschätzung, Anerkennung und Respekt

Ich bin seit einem Jahr Consultant und duale Studentin bei it-economics. Die IT-Projektwelt wurde zu meinem Zuhause und somit auch die allseits bekannte Männerdomäne dieser Branche. Und Überraschung: Ich fühle mich wohl – auch als Teil einer (noch) „Minderheitengruppe“. Nicht, weil ich eine besondere Behandlung erhalte, sondern weil ich mich bei it-economics in einem Umfeld bewege, das geprägt ist von Kollegialität, Rücksicht, Wertschätzung, Anerkennung und Respekt. Bereits als junge Mitarbeiterin bekomme ich die Chance, mich in internen wie auch externen Projekten und Change Prozessen zu engagieren, kann bei Themen mitwirken, die mich interessieren und komme sogar noch in den Genuss, mich neben der Arbeit im Rahmen meines Studiums weiterzubilden.