Agile World 2017 - Agilität als Weg

Kongresse fühlen sich für Teilnehmer manchmal an wie der Wartebereich eines verspäteten Fluges. »Hurry up and wait — gleich geht’s los«. Oder wie ein flash mob in einer Aussegnungshalle: kann man machen, passt aber nicht. In seltenen Fällen wird ein Kongress zu einem lustigen Ausflug, einem Klassentreffen mit Fanta und Geschichten aus der letzten Reihe. Und noch viel seltener muss ich mich positiv ärgern, heisst: abwägen zwischen Vorträgen, Talks und Workshops, die um die selbe Zeit konkurrieren. Themen und Menschen, die ich alle erleben will, die aber dummerweise zur selben Zeit stattfinden. So war das für mich auf der Agile World 2017 am 26. und 27. Juni in München. 

Ein paar Beispiele für die weite Themenauswahl: Was macht man nun mit den verbindlichen Verfahrensvorschriften des Agilen Manifests, wenn es in der Realität eines Konzerns einfach nicht koppeln will? Wie stellt man es an, dass story points tatsächlich einheitenlose »Aufwandseimer« sind und nicht am Ende als rechenbare Zahlen missbraucht werden (Und zu bizarren Fehlinterpretationen verleiten)? Was heisst den systemisches Coaching, wenn das System den Coach nicht ans Getriebe lässt?

improuv hat als Veranstalter die richtigen Akzente gesetzt — wenigstens für mich. Das 2017er Motto war »Agilität als Weg«, eben ohne Ziel und umrissenen Umstand sondern als Entwicklungspfad.

Beim Wandern kommt es auch auf die richtige Geschwindigkeit an

Ja, Wege kann man abkürzen, verpasst nur möglicherweise die schönen Stellen und Ausblicke. Ja, man kann auch hetzen und schneller gehen als die Kondition es zulässt. Und auch ja: ein klitzekleines Steinchen im Bergschuh zermürbt auch den motiviertesten Wanderer schneller als der steilste Anstieg. Um genau diese kleinen Steinchen ging es in den Talks und Workshops immer wieder. Da sprechen erfahrene Agilisten miteinander, offen, aufrichtig und berichten ebenso von fehlgeschlagenen Experimenten und Umfeldern, in denen die Fachliteratur keine Instant-Lösung bietet. Das war und ist der eigentliche Gewinn bei gelungenen Kongressen: die Gespräche, die kleinen hitzig debattierenden Zusammenrottungen zwischen den Talks - an Stehtischen, mit wild bekritzelten Papiertischdecken.

Vom agilen Führen und der Persistenz alter Ideen

Ein Augenöffner etwa war der charmant-mutige Bericht aus den Tiefen der EnBW von Monika Hablick und Lutz Ehrlich: »Vom Death Metal-Bass zum Cembalo: Wie Führungskräfte das Instrument der agilen Führung lernen«. Eine Meldung von ganz tief aus dem Maschinenraum des Change Management. Wobei: wir nennen das ja nicht mehr Change und schon lange nicht mehr Management. Passender ist eher der Begriff 'Systemische Intervention' — weil das System Konzern, die Maschine Unternehmen durch viele kleine Interventionen beeinflusst wird und man 'change' ebenso wenig managen kann wie Haltungsänderungen per Powerpoint verordnen. Ein schönes Zitat kam von dazu von Dee Hock, dem Gründer von VISA: »The problem is never how to get new, innovative thoughts into your mind, but how to get old ones out.« Um Platz für etwas Neues zu schaffen muss das Alte gehen. Kennen wir alle aus dem vollgeräumten Keller.

Raus dem Schneckenhaus: Sessions, die mit Format überraschen

Beeindruckt hat mich ein Talk, eine Session … egal: ein Experiment von Albrecht Günther, Chef und Nicht-Chef von Mayflower. »Und raus bist Du« betitelt. Es geschah nicht viel und doch alles Wesentliche: kein Vortrag, kein teaching. »Kommt doch alle mal vor und stellt euch um die Tapete« - eine 2 Meter Papiertischdecke. »Was kommt Euch in den Sinn, wenn jemand ein Team verlässt, sei es aktiv gefeuert oder passiv gegangen?«. Es geschah: jeder hat Erfahrungen damit. Jeder kennt die Situation der Metapher »ein schlechter Apfel macht die ganze Kiste kaputt« und viele wurden schon gefeuert, weshalb auch immer. In kurzer Zeit waren 2 Quadratmeter vollgeschrieben mit Beobachtungen, Befindlichkeiten, Erfahrungen und … ja, Lösungen.Das vielleicht ist der innerste Kern des agilen Ansatzes: raus aus dem Schneckenhaus, raus aus der Komfortzone, Experimente machen und immer Neues wagen. Jetzt!

Also: tiefe Verbeugung an die Kollegen von improuv! So macht man agile Kongresse. Muss kein OpenSpace sein, die richtige Themenwahl macht das Rennen.