Keine Zeit mit Garbage Processing verschwenden!

Am 11. September 2014 fand das vierte Berliner Requirements Engineering Symposium zum Thema „Anforderungsmanagement erfolgreich umgesetzt – was wir vom Software Engineering lernen können!“ statt. Dabei standen die Erfolgsfaktoren gelungener Projekte im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen. Erstmalig hat sich auch die it-economics an diesem Symposium beteiligt. Veranstaltet wurde das Symposium von der InMediasP GmbH zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK.

Die beiden Keynotes brachten das Thema auf den Punkt:

Entweder Wasserfallmodell oder Requirements verstehen!

Frau Prof. Dr. Simone Bürsner von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg stellte in einem kurzweiligen Vortrag den ihrer Meinung nach zentralen Aspekt für erfolgreiches Requirements Engineering (RE) vor: Das Verstehen der Anforderungen. Dieser Anspruch steht im Konflikt zu den klassischen Vorgehensweisen wie beispielsweise dem Wasserfallmodell. Die Komplexität der Anforderungen führt dazu, dass das Verständnis dafür nur sukzessive wachsen kann. Damit ist kontinuierliches RE eine Grundvoraussetzung und kann zu einer projektübergreifenden Aktivität ausgebaut werden.

Auf die Player kommt es an

Ein weiterer Punkt ist ihrer Meinung nach die Zusammenarbeit der einzelnen Projektbeteiligten: Von den Stakeholdern über die Entwickler bis zu den Endanwendern sollten alle Parteien am RE beteiligt werden. Dies kann wahlweise über das Twin-Peaks-Modell, ein Ziel- und Szenario-basiertes RE oder via Specification by Example geschehen. Jedoch darf nicht vergessen werden, das zu der gewählten Vorgehensweise passende Projektmanagement aufzubauen.

Hirn, Augen und Ohren

Im Rahmen der Benennung von Mitspielern (positiver Effekt auf das Ergebnis des RE) und Barrieren (negativer Effekt) wurde besonderes Augenmerk auf versteckte Barrieren gelegt: die Kernkompetenzen des Requirements Engineers. Die Abstraktionsfähigkeit des Requirements Engineers wird oftmals nicht als Kernkompetenz gesehen, sondern als gegeben vorausgesetzt. Dies ist aber selten der Fall. Ist die Abstraktionsfähigkeit des Requirements Engineers nicht gegeben, so nützen Iterationen nichts, da das Business nicht verstanden wird. Immer wieder werden auch die wichtigsten Instrumente des Requirements Engineers nicht benannt: Gehirn, Augen und Ohren.

Als zentrale Verbesserungsvorschläge für das RE wurden die Einführung von kurzen Feedback-Zyklen sowie eine Verbesserung der Bewertungsmöglichkeiten unterschiedlicher RE-Methoden genannt.

Garbage Processing: Garbage in --> Garbage out

Die zweite Keynote von Prof. Dr. Gerhard Barth ging auf Verbesserungspotenziale im Produktentwicklungszyklus ein: Requirements Engineering und Optimierung. Eine Optimierung des Produktentwicklungszyklus (Entwicklung, Herstellung, Marketing, Lieferung u.a.) führt zwar zu einem verbesserten Entwicklungszyklus, jedoch nicht automatisch zu besseren Produkten. Hierbei gilt das „Garbage Processing“-Prinzip „Müll rein, Müll raus“. Wer nicht weiß, was entwickelt werden soll, kann dies mit der höchsten Qualität tun, er wird trotzdem nie das Produkt liefern, welches gefordert ist. Gutes RE über den gesamten Produktentwicklungszyklus sorgt dafür, dass das Richtige mit hoher Qualität entwickelt wird. Es gilt „Qualität rein, Qualität raus“. Der Optimierung des RE ist deshalb Priorität vor der Optimierung der Entwicklung einzuräumen.

Qualität schaffen

Im Rahmen des Requirements Engineering stellte Prof. Dr. Barth die Bedeutung der Validierung, der Verifikation und der Dokumentation dar. Werden die Anforderungen validiert, so soll die Vollständigkeit der Anforderungen überprüft werden. Dabei sind insbesondere die Stakeholder zu betrachten, die entweder ein großes Interesse, einen großen Einfluss oder beides haben. Die Verifikation der Anforderung dient zur Überprüfung, ob die richtigen Anforderungen umgesetzt werden. Hier werden die Anforderungen unter anderem auf ihre Testbarkeit und ihre Widerspruchsfreiheit überprüft. Im Rahmen der Dokumentation ist die Modellierung der Anforderungen in UML unerlässlich. Können Anforderungen nicht in UML abgebildet werden, so liegt es meistens daran, dass Anforderungen nicht richtig verstanden werden.

Es wurde außerdem auf unterschiedliche Herkunftsarten von Anforderungen hingewiesen. Anforderungen können auf unternehmensweiten Richtlinien, Vorgaben oder Ähnlichem basieren. Sie können durch Stakeholder bestimmt werden oder sich aus der Lösung/dem Zielbild heraus ergeben. Als letzte Quelle von Anforderungen wurde der Übergang vom Ist-Zustand in den Soll-Zustand, d.h. Anforderungen aus der Migration heraus, genannt.

Der Widerspruch zwischen der agilen und der klassischen Vorgehensweise wurde auf den Punkt gebracht:

Klassisch:

In den Methoden der klassischen Vorgehensweise stehen am Anfang die Anforderungen. Diese müssen zu Beginn des Projektes festgelegt werden und sollen sich im Normalfall nicht ändern. Die Kosten und die Zeitplanung ergeben sich durch die festgelegten Anforderungen.

Agil:

In agilen Projekten stehen am Anfang der zeitliche Horizont und die aufzubringenden Kosten fest. Die Anforderungen ergeben sich erst im Projektverlauf.

 

Guter Rahmen, neue Ideen und Kaffee

Insgesamt bot das Berliner Requirements Engineering Symposium einen guten Rahmen, um neue Ideen für erfolgreiches RE zu erhalten und sich auszutauschen. Die Vorträge haben neue Blickwinkel auf das RE eröffnet und jeden Teilnehmer tiefer in die Materie eingeführt. Im Rahmen der drei parallelen Sessions konnte jeder seinen persönlichen Fokus setzen. Natürlich kam das beste Mittel für gutes RE bei der Veranstaltung selbst nicht zu kurz: Zusammen einen Kaffee trinken und sich austauschen.