Macht der Bilder

Nunmehr zwei Jahre ist es her, dass ich als frischer Absolvent meine erste Stelle in unserer Firma angetreten habe. Auf meiner ersten Brown Bag Session, so nennen wir unsere monatliche Zusammenkunft, die als Plattform für Vorträge und Informationsaustausch genutzt wird, stellte ein Kollege das Buch „Unfolding the Napkin“ vor. Gegenstand dieses Buches sind Methoden zur Visualisierung von Ideen und Problemen. Da ich mich selbst während meines Studiums mit Visualisierung von mehrdimensionalen Daten beschäftigt habe, war ich sofort vom Inhalt des Buches fasziniert. Unmittelbar nach dieser Veranstaltung wusste ich, meine nächste Präsentation wird bunt. So möchte ich folgenden Zeilen als Erfahrungsbericht nutzen, wie aus einer fixen Idee meine erste (fast) textfreie Präsentation entstand. 

Am Anfang war Dan Roam

Mit seinen beiden Büchern “The Back of the Napkin: Solving Problems and Selling Ideas with Pictures“ und “Unfolding the Napkin: The Hands-On Method for Solving Complex Problems with Simple Pictures” ist Dan Roam, zumindest für mich, schon jetzt der Visualiserungsguru des 21. Jahrhunderts. In seinen Büchern, erläutert Dan, warum einfache Zeichnungen in seinen Augen die ausdrucksstärkste Form sind Ideen zu entwickeln, diese zu validieren und schlussendlich das Resultat seinen Mitmenschen zu präsentieren. Unabhängig von meinem konkreten Vorhaben die Macht der Bilder für meine Präsentation zu nutzen, möchte ich kurz eine Brücke schlagen zwischen dem Berufsalltag eines Informatikers und den Werkzeugen, die uns in oben genannten Büchern zur Verfügung gestellt werden.  Wie ich selbst sehr schnell feststellen durfte, besteht der Projektalltag eines Informatikers, eben nicht nur aus Programmierung. Bevor überhaupt die erste Codezeile geschrieben werden kann, müssen Anforderungen erhoben, dokumentiert und abgestimmt werden. 

An diesen Prozessen sind Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen beteiligt. Unterschiedliche Werdegänge bedingen unterschiedliche Denkmuster und Ausdrucksweisen. Mehr als einmal wurde ich mit der Aussage konfrontiert, dass einer diese Informatiker verstehen solle.

Wer aber erst einmal statt WebService die Metapher Informationsschalter oder Ladentheke nutzt oder ein Interface mit dem Prinzip Stecker und Steckdose beschreibt, wird vermutlich schnell feststellen, dass das Verständnis und somit auch die Akzeptanz für Entscheidungen, zum Beispiel die Notwendigkeit eines Adapters, bei allen Beteiligten wächst. Fassen wir zusammen, das in Bildern zu denken, in Metaphern zu sprechen und Lösungen zu skizzieren im Arbeitsalltag ein mächtiges Werkzeug darstellt und genauso wie Programmierkenntnisse im Werkzeugkoffer eines jeden Informatikers zu finden sein sollte.

Der rote Faden wird gesponnen

Nach diesem kleinen Exkurs zurück zu meinem eigentlichen Vorhaben. Aus dem Pool möglicher Themen wählte ich für mein kleines Experiment das Thema der Kryptologie. Die Wissenschaft der Kryptologie beschäftigt sich mit der Ver- und Entschlüsselung von Informationen, wobei die Verschlüsselung als Kryptographie und die Entschlüsselung als Kryptoanalyse bezeichnet wird.

Warum ausgerechnet dieses Thema, wird sich der interessierte Leser fragen. Darauf kann ich nur antworten: „Kryptologie ist wie Mürbekuchen, unheimlich trocken und schwer verdaulich und somit die perfekte Herausforderung.“.

Noch während der Recherchephase merkte ich, dass es sich bei diesem Thema, um es mit den Worten von Herrn Briest zu sagen, um ein sehr weites Feld handelt und somit in seiner Gänze nur schwerlich in eine 30-minutige Präsentation pressen ließe. Ein geschichtlicher Abriss wäre für meine Zuhörer sicherlich interessant, hätte aber wenig Bezug zu unserem Tagesgeschäft. Moderne Verfahren hätten den nötigen Praxisbezug, sind aber ohne den historischen Hintergrund kaum in ihrer über die Jahrtausende gewachsene Komplexität zu verstehen. Kurzum entschied ich mich in einer ersten Präsentation die geschichtlichen Hintergründe bis in die Moderne zu beleuchten und in einer kommenden detaillierter auf moderne Verfahren einzugehen.  Nachdem nun feststand, welchen Teil des Feldes ich beackern/bestellen wollte, musste nur noch das Wie geklärt werden. Aus den gegebenen Rahmenbedingungen sah ich mich bei der Visualisierung mit drei Herausforderungen konfrontiert, die es zu lösen galt. Diese sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Der Rahmen-Protagonisten im Wandel der Zeit-

Die erste Herausforderung, die es zu meistern galt, betraf die Rahmenhandlung.  Hier erwies sich die Kryptologie als äußerst dankbares Thema. Wie eingangs bereits erwähnt, setzt sich diese aus den Teilgebieten Kryptographie, und dem Gegenstück, der Kryptoanalyse zusammen. Durch Personifizierung beider Teilgebiete konnte ich zum einen den immerwährenden Konflikt beider Parteien über Personen ausdrücken. Zum anderen hatte ich die Möglichkeit über Accessoires der Protagonisten den Bezug zum jeweiligen historischen Kontext herzustellen. 

Mithilfe der Kryptographengeschwister Victor & Victoria Secret und ihrem Gegenspieler, dem Kryptoanalytiker Harry Hacker war es mir daraufhin ein leichtes, meinem Publikum die Prinzipien der Steganographie, symmetrische Ver- und Entschlüsselungstechniken, sowie asymmetrische Verfahren näher zu bringen.

Vorstellung der Protagonisten

Links oben versendet Victor Secret an seine Schwester Victoria eine Nachricht und es soll im konkreten Beispiel sichergestellt werden, dass kein dritter, in unserem Fall Harry Hacker, während der Nachrichtenübertragung den Inhalt der Nachricht verändert.

Protagonisten im Wandel der Zeit

Mithilfe kleiner Utensilien kann der geschichtliche Kontext hergestellt werden (Altertum, 2.ter Weltkrieg, 70er Jahre).

Fakten und Methoden–Eine kurze Geschichte der Zeit-

Die zweite Herausforderung bestand darin, Definitionen und Verfahren zu visualisieren. Hier entschied ich mich, diese in Form von kleinen abgeschlossen Anwendungsbeispielen zu verpacken. Über diese hatte ich daraufhin die Möglichkeit, sowohl Faktenwissen, als auch die Prinzipien der vorgestellten Verfahren zu transportieren.  

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Anwendungsbeispiel für Steganographie

Der Klassiker, der in keinem Roman von Dan Brown fehlen darf. Der Absender benutzt Zitrone als Tinte und schreibt den Geheimtext auf die Rückseite eines Briefes. Der Empfänger nutzt Hitze, um den Geheimtext sichtbar zu machen.

Pro und Kontra –Bilderrätsel für angehende Kryptologen-

Besonderes Augenmerk galt meiner letzten Herausforderung, der Darstellung von Stärken und Schwächen der vorgestellten Verschlüsselungsverfahren. Um es mit den Worten meines ehemaligen Biologielehrers zu sagen: „Das ist der Moment, wo der Frosch ins Wasser hüpft“. Damit wollte er unaufmerksamen Schülern wie mir mitteilen, dass der nun kommende Teil von elementarer Wichtigkeit für das weitere Verständnis des Stoffes sei. Und gerade die Schwächen der einzelnen Methoden waren der Motor für eine seit Jahrtausenden andauernde Entwicklung im Bereich der Kryptologie. Darüber hinaus sind sie der Grund, warum in der modernen Verschlüsselungstechnik verschiedene bereits bekannte Verfahren kombiniert werden, um deren einzelne Stärken zu potenzieren und bekannte Schwächen zu minimieren. Um die nötige Aufmerksamkeit für diese Informationshotspots zu erzeugen, entschied ich mich Pro und Kontra in Bilderrätsel zu verschlüsseln und diese den beiden Protagonisten in den Mund zu legen. Des Weiteren überließ ich deren Decodierung dem Publikum.

Stärken und Schwächen der Substitution (Austausch) einzelner Buchstaben

Während Victor von den Stärken seines Verfahrens schwärmt, konfrontiert ihn Harry mit den Schwächen seines Systems. Hier dargestellt ein Auszug der Diskussion der Vor- und Nachteile einer einfachen Substitution (Austausch von Buchstaben).

Fazit

Es ist vollbracht. Nachdem ich nun die Präsentation erfolgreich gehalten habe, stellt sich natürlich die Frage: „Was bleibt?" Für meine Kollegen, so hoffe ich, ein informativer und unterhaltsamer Vortrag der etwas anderen Art. Für mich jede Menge Erfahrung, die ich euch natürlich nicht vorenthalten möchte. Die Umsetzung von der Idee hin zu einem greifbaren Konzept habe ich ja bereits oben ausführlich beschrieben. Als sehr zeitintensiv stellte sich Vorbereitung der einzelnen Folien heraus. Alleine der Aufbau einer Bilderbibliothek war eine Aufgabe, die mehrere Abende füllte. Insbesondere abstrakte Substantive, also nicht greifbare, wie Gefühle und die Visualisierung mancher Verben trieben mich regelmäßig in den Wahnsinn. Ein solcher Begriff, der mich gefühlt Tage beschäftige, war „Motivation“. Umso größer jedoch die innere Befriedigung, wenn man das perfekte grafische Äquivalent gefunden hatte, hier die Karotte vor dem Gesicht. Hat man jedoch erst mal eine solche Bilderbibliothek aufgebaut und angefangen konsequent in Bilder zu denken dauert die Erstellung einer Folie nur unwesentlich länger. Die Präsentation selbst verlief relativ reibungslos. Zu Beginn zeigte sich bei mir leichte Nervosität, da die sicherheitsspendenden Stichpunkte und Satzphrasen fehlten. Die Folien, welche meine Kollegen zur aktiven Teilnahme aufforderten, wurden nach anfänglichem Zögern mit sichtlicher Freude in fast allen Fällen gelöst.

Alles im allem kann ich sagen, dass mit gewähltem Format auch sehr theoretisches Wissen auf eine Weise präsentiert werden kann, die den Zuhörer zum Mitdenken und Mitmachen motiviert. Abschließend gilt mein Dank meiner Firma, die mich in meinen Vorhaben ermutigt und bei der Umsetzung unterstützt hat. Ein weiterer Beweis für mich, dass hier nicht nur Innovation auf dem Papier steht, sondern auch gelebt wird.